Geopolitische Risiken sorgen für hohe Volatilität am Gasmarkt

Die Eskalation in Nahost sorgt auch in dieser Woche für eine hohe Volatilität an den Gasmärkten. Seit Beginn des Konflikts haben sich die Spotpreise zeitweise auf bis zu 55 EUR EUR/MWh verteuert. Aus fundamentaler Sicht ist der Markt eigentlich bearish. Ein Überblick.

Deutlich höhere Sentiment-Aufschläge möglich

Die Angst vor einem Flächenbrand in der Nahost-Region hält die Märkte in Anspannung. Die Aufschläge, die wir am Gasmarkt seit Beginn des Konflikts sehen, sind jedoch reiner Sentiment und nicht fundamental begründet. Abhängig von der weiteren Entwicklung sind auch deutlich höhere Aufschläge denkbar.

Eine weitere Eskalation des Konflikts kann zu Einschränkungen bei den Schiffspassagen durch den Suezkanal führen oder auch eine Blockade an der Strasse von Hormus auslösen. Auch wenn diese Szenarien derzeit unwahrscheinlich sind, so weckt dies Erinnerungen an die Auswirkungen der Havarie der „Ever Given“ im Suezkanal in 2021.

11 Prozent der LNG Lieferungen aus Katar

Sollte sich der Konflikt auf die Schiffspassagen durch den Suez-Kanal auswirken, führt dies in Europa insgesamt zu einer Verknappung der Güter und damit möglicherweise zu Problemen mit den LNG Lieferungen aus Katar (insbesondere im Falle einer Blockade an der Straße von Hormus). Dazu gilt Katar als Unterstützer der Terrorgruppe Hamas.

Katar hat in diesem Jahr bisher 145 Schiffslieferungen LNG nach Europa verschifft. Katar hat bislang in 2023 einen Marktanteil von 11 Prozent auf dem europäischen LNG Markt und ist damit drittgrößter LNG Lieferant für Europa, nach den USA und Russland.

Schließung des Tamar Felds

Die USA haben in 2023 bisher einen Marktanteil von 43 Prozent mit insgesamt 551 LNG Schiffslieferungen. Aus Russland kamen insgesamt 171 LNG Schiffe (Marktanteil 13%).

Durch die vorübergehende Schließung des israelischen Tamar-Gasfelds reduzieren sich derzeit die israelischen Gasexporte nach Ägypten um rund 30 Prozent. Die Auswirkungen durch eine geringere Verfügbarkeit von ägyptischem LNG in Europa sind aber eher marginal.

Ägypten hat in diesem Jahr bisher 21 LNG Lieferungen nach Europa verschifft, ein Marktanteil von 2 Prozent auf dem europäischen LNG-Markt.

Belgien und Italien größte Importeure von katarischem LNG

Die meisten katarischen LNG-Lieferungen gingen bisher in 2023 nach Belgien und Italien. Am Zeebrugge LNG Terminal wurden 39 LNG Lieferungen, nur Russland lieferte dort mit 48 Schiffslieferungen mehr LNG. Ebenfalls 39 Lieferungen gingen an die LNG Terminals in Italien.

Großbritannien importierte 19 LNG Lieferungen aus Katar, Frankreich importierte 15 Lieferungen, Polen 14 Lieferungen und Spanien 13 Lieferungen.

Sollten die LNG Lieferungen aus Katar in den nächsten Monaten in Europa ausbleiben, sind deutlich höhere Preisaufschläge am Gasmarkt denkbar.

Fundamentaldaten bearish

Der Spotpreis am TTF wäre ohne die Eskalation des Konflikts in Nahost womöglich in diesen Wochen auf 20 EUR/MWh gesunken. Der Gasmarkt ist insgesamt gut ausbalanciert, die Gasspeicher sind mit 98 Prozent Füllstand fast voll und das LNG Angebot hat sich gegenüber vor vier Wochen deutlich erholt.

Das Gasangebot in Europa liegt in dieser Woche bei durchschnittlich 11000 GWh/Tag und damit zum ersten Mal seit März dieses Jahres über den Tiefstständen des Vorjahres.

Die Pipeline-Lieferungen aus Norwegen und Algerien sind mit rund 3600 GWh/Tag bzw. 1100 GWh/Tag stabil. Die Lieferungen aus Russland und Aserbaidschan mit 1050 GWh/Tag bzw. 400 GWh/Tag erreichen in dieser Woche neue Jahreshöchststände.

Die LNG-Aussendungen lagen zuletzt bei insgesamt 4300 GWh/Tag (EU+UK) und damit rund 1000 GWh/Tag über dem Jahrestief vor rund vier Wochen.